50 Jahre Stonewall: Den Jahrestag sollten wir politisch nehmen!

In diesen Tagen wird an die Straßenkämpfe mit der Polizei in der New
Yorker Christopher-Street erinnert, die im Juni 1969 stattfanden.
Mittlerweile sind auch in der Bundesrepublik Deutschland die zentralen
Protagonist*innen bekannter geworden, unter ihnen Sylvia Rivera und
Marsha P. Johnson – insgesamt kämpften gerade Schwarze Queers, der
Arbeiterklasse in der ersten Reihe. Hingegen positionierten sich
zahlreiche weiße Schwule und Lesben später sogar auf der Gegenseite –
1973 wurde Sylvia Rivera beim Christopher Street Day von weißen Schwulen
tätlich angegriffen und von Lesben beschimpft, auch in den 1970er Jahren
wurden Trans* aus der Gay Activists Alliance (GAA) ausgeschlossen, weil
die Mehrheit der Mitglieder fand, dass man bessere Chancen habe, ein
„Antidiskriminierungsgesetz“ umzusetzen, wenn die Forderung von
„gender-konformen“ Personen vertreten werde. Es ist also nicht einfach
ein Ereignis, das man feiern kann – sondern es gilt die Gewalt auch in
der LSBTIQ-Community zu reflektieren. (In unserem Band „Queer und
(Anti-)Kapitalismus“ [s. Kapitel Kapitel „Stonewall revisited: Eine
kleine Bewegungsgeschichte“] haben Salih Alexander Wolter und ich den
tatsächlichen Verlauf der Kämpfe rings um das „Stonewall Inn“
herausgearbeitet – mit Verweis auf die belastbaren Quellen.)

Es sollte also nicht einfach „lesbisch“ und „schwul“ gefeiert werden,
sondern es sollten bei der derzeitigen Würdigung der Ereignisse in der
Christopher Street 1969 auch die Gewalt und die Verletzungen innerhalb
einer LSBTIQ-Community sichtbar gemacht werden. Gute Ansätze gibt es
derzeit: Ralf Buchterkirchen hat auf seinem Block die aktuellen Debatten
in den USA kurz resümiert – dort gibt es derzeit zahlreiche
beachtenswerte Ausstellungen und kritische Diskussionen:
https://verqueert.de/50-jahre-stonewall-empfehlungen-fuer-new-york-und-washington/
. Aber auch hierzulande passiert einiges und ist etwa in der aktuellen
Juni-Siegessäule ein beachtenswerter und reflektierter Beitrag über
Stonewall, der gerade Nachdenken anregt. (Das Heft ist auf
www.siegessaeule.de frei zugänglich.) Und auch in der ZEIT ist ein
kenntnisreicher Beitrag erschienen:
https://www.zeit.de/2019/26/christopher-street-day-stonewall-aufstand-homosexualitaet
.

Den Jahrestag sollten wir politisch nehmen! An die bereits existierenden
kritischen Reflexionen sollten wir auch bei der wissenschaftlichen
Auseinandersetzung und im politischen Aktivismus anschließen und gerade
Rassismus, Antisemitismus und zweigeschlechtlichen Sexismus in der
LSBTIQ-Community benennen und kontinuierlich deutlich kritisieren!

Liebe Grüße
Heinz / Heinz-Jürgen Voß


Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, Merseburg / Berlin / Hannover
NEU erschienen 2018 I: „Die Idee der Homosexualität musikalisieren: Zur Aktualität von Guy Hocquenghem“ (hg. von Heinz-Jürgen Voß),
NEU erschienen 2018 II: „Queer and (Anti)Capitalism II“, in: The Queer Intersectional in Contemporary Germany – Essays on Racism, Capitalism and Sexual Politics. (Christopher Sweetapple, ed.)
NEU erschienen 2018 III: „Sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten: Aktuelle Forschungen und Reflexionen“ (hg. von Wazlawik / Voß / Retkowski / Henningsen / Dekker)
Informationen und Kontakt: http://www.heinzjuergenvoss.de

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