Offener Brief der fem-me-inistischen aktion zu Sexismus/Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities

Hier findet Ihr einen Offenen Brief, der sich aus fem-me-inistischer Perspektive mit der Trans*Tagung Berlin 2012 auseinandersetzt, und darüber hinaus weiterreichende Anknüpfungspunkte für eine Diskussion um Sexismus und Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities, aber auch für ein erweitertes Verständnis von queeren trans*gender-Identifikationen bietet:

Offener Brief an das Orga-Team der 15. Trans*Tagung Berlin 2012

Liebe Organisator_innen der 15. Berliner Trans*Tagung,

auf der Berliner Trans*Tagung 2012 haben Femmes eine strukturell ungleiche Behandlung und Marginalisierung erfahren, die im Folgenden aus femme-inistischer Perspektive kritisiert wird.

Als Femmes und Femme-Unterstützer_innen, die die Tagung besucht haben, nehmen wir diese Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrung im Kontext der Tagung zum Anlass, uns nicht nur mit den konkreten Vorfällen auseinanderzusetzen, sondern davon ausgehend Grundlegendes zum ZusammenhangFemmes und Transgender zu thematisieren. Mit diesem offenen Brief wollen wir eine Auseinandersetzung über Sexismus und Femininitätsfeindlichkeit in der Trans*Community anstoßen, die längst überfällig ist.

Zur Berliner Trans*Tagung 2012 wurden dem Orga-Team mindestens vier verschiedene Workshopvorschläge zu Femme-Themen eingereicht. Von diesen wurde lediglich ein Vorschlag angenommen, der allerdings Femme-Inhalte nur „mit“thematisierte, nämlich innerhalb der Butch/Femme-Dynamik. Dabei hatten alle diese Workshopvorschläge einen expliziten inhaltlichen Bezug zur Trans*Thematik. Dennoch wurden sie abgewiesen bzw. unter den Tisch fallen gelassen. Gleichzeitig wurden mehrere Workshop-Angebote, ohne direkten inhaltlichen Bezug zu Trans*Thematiken ins Programm aufgenommen.

Diese Erfahrungen lassen sich nicht vereinbaren mit dem nach außen getragenen Selbstbild der Trans*Tagung, als einer ausgesprochen offenen und inklusiven Veranstaltung. Im Einladungstext dazu wird davon gesprochen, dass ein „uneingeschränkter Freiraum“ für „Trans*menschen aller Couleur“ eröffnet werden soll. Dieses Selbstverständnis widerspricht aber den Entscheidungen des Orga-Teams, die die Repräsentation und Teilhabe bestimmter Trans*Identitäten privilegiert und andere marginalisiert hat. So scheint das vorherrschende Verständnis von Trans*Identitäten tatsächlich ein enges und ausschließendes zu sein. Femmes gehören offenbar nicht mit hinein in dieses Selbstverständnis, es sei denn als nachgeordnetes Anhängsel in Form von „Partner_in“.

Gesellschaftliche Machtstrukturen schreiben sich auch innerhalb der Trans*Community fort. Den verschiedenen Trans*Verkörperungen und -positionierungen werden unterschiedliche Möglichkeiten zur Äußerung und Raumnahme (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne) zuerkannt.

Dabei sind es unserer Erfahrung nach insbesondere Femmes und andere Trans*Femininitäten, die nicht wahrgenommen werden, an den Rand gedrängt werden, zum Verschwinden gebracht werden. Femmes werden mit unterschiedlichen Formen von Sexismus konfrontiert. Die grundlegende gesellschaftliche Abwertung alles Weiblichen und insbesondere alles akzentuiert Femininen wird auch in der Trans*Community fortgeschrieben.

Dabei wird häufig wie selbstverständlich in der Trans* und/oder -queer Community davon ausgegangen, dass Sexismus in der eigenen Community längst überwunden wäre. Wir sind aber immer wieder mit einem expliziten und impliziten Umgang mit Geschlecht konfrontiert, der eine asymmetrische, maskulinistische Tendenz offenlegt. Wir sehen Sexismus nach wie vor als Problem, das auch in der Trans*Szene existiert. Denn das Männliche/Maskuline wird auch hier häufig noch unhinterfragt als das Eigentliche gesetzt, dem dann das Weibliche und insbesondere das Feminine als das Andere gegenübergestellt wird.

Die Abwertung von FtF (Female-to-Femme) in der queeren und Trans*Community kann aber auch an einem Transitionsverständnis liegen, das rechtliche und medizinische Transitionsprozesse in den Vordergrund stellt. So wird FtF häufig als eine vermeintlich „bruchlose“ und damit angeblich leichter zu verkörpernde Genderposition betrachtet.

Femmes haben sowohl in hegemonialen gesellschaftlichen Zusammenhängen als auch in der Trans*Community auf bestimmten Ebenen weniger gegen ihre Pathologisierung als gegen ihre Naturalisierung zu kämpfen. Diese Naturalisierung erfolgt regelmäßig als Fehlzuschreibung von Gender und Begehren aufgrund der Fehllektüre von FemmeKörpern; Beispielsweise wenn Femme als „Frau“, „Hetera“ oder „Lesbe“ falsch gelesen wird, (falls sie sich nicht doch so identifiziert).

FtF-Femmes verstehen sich als Transgender und Female-to-Femme ist eine Transgender-Transition. Es ist eine häufig ignorierte Realität, dass FtFs einen eigenständigen Teil der Trans*Community bilden und in dieser durchaus als unabhängige politische Subjekte aktiv sind. Vor diesem Hintergrund können sie nicht nur als Beziehungsarbeiter_innen (Partner_innen und Angehörige) oder als Unterstützer_innen von Trans*Personen verstanden werden.

Ein enger Transitionsbegriff, der gebunden ist an bestimmte Bezüge zwischen biologischem Geschlecht, Genderidentität und -inszenierung schließt Räume für Femmes und andere Transgender, die in das Dysphorie-Paradigma (d.h. Schwerpunkt auf das Unbehagen mit dem Körper legen, sich im „falschen“ Körper fühlen) nicht glatt hineinpassen oder sich ihm verweigern oder für sich alternative Wege suchen bzw. gefunden haben. Deshalb fordern wir eine dringend notwendige Erweiterung des Transitionsbegriffs – denn es gibt eine Vielfalt von Transitionswegen. Diese Erweiterung ist aber nicht als Hierarchisierung von bestimmten Trans*Wegen und Transitionserfahrungen zu verstehen.

Wir sehen es als unbedingt notwendig an, dass auch in der Trans*Community die Diversität und Selbstpositionierung von *Femmes, die sich als FtFs (in allen ihren Ausprägungen) verstehen können oder auch nicht, anerkannt wird. Dazu müssen Ausschlusspraxen und Sexismen gegen Femmes und Femme-Themen in queeren und Trans*Zusammenhängen benannt und kritisiert, sowie femme-inistische Perspektiven auf und in Trans*- und Queer-Politik gestärkt werden.

Fem-me-inistische Aktion

Die Fem-me-inistische Aktion ist ein überregionaler Zusammenschluss aus identitär divers positionierten Femmes und Femme-Unterstützer_innen. Viele von uns identifizieren sich als Trans*(gender), manche nicht, bei manchen ist diese Selbstbezeichung nicht konstant. Unter uns finden sich queere Hai-Femmes, feministische TG-Butches, FtF-Femmes, die auch schon mal mit einem männlichen Pass gelebt haben, tuntige Stone Butches, Fem(me)-begehrende Queers, fatale Fem-me-inist_innen, Inbetweens auf T und fragile Femme Feen.

Kontakt: fem-me-inistische-aktion@gmx.de

Über chris_tino

Bin ein wissenschaftlich arbeitender, genderforschender und queer-feministischer TG-Butch von Anfang 40 Jahren
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5 Kommentare zu Offener Brief der fem-me-inistischen aktion zu Sexismus/Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities

  1. Pingback: Gender, Leute! | maxkeiler

  2. Chris_tino sagt:

    Ermüdet doch sehr, diese Gemengelage grober Unkenntnis von Geschlechter- und Queerpolitischen und theoretischen Perspektiven (- weder gibt es oder gab es diese im Singular). Da täuscht auch das Name dropping „Haraway“ nicht über das Unwissen hinweg.
    Zu allem Überfluss auch noch stilistisch schwacher Blogeintrag: Gewollt feuilletonistisch, jedoch nicht gekonnt. Wenn schon Martensteins aktuelles Zeitmagazin-Atikelchen nicht einmal zum Genre des modernen greinenden Herrenwitzes taugte (Stichwort: das böse G-Wort „gendermainstreaming“), dieser Blogeintrag ist noch schwer feucht hinter den Ohren.
    Aber mal etwas zum Weiterdenken: Wäre wissenschaftliche Erkenntnis alleine an Evidenz orientiert und so komplexitätsreduziert – wie hier und andernorten der Wunsch danach lautstark zu vernehmen ist – dann gäbe es keine Atome und die Erde wäre eine Scheibe. Es ist schon eine intellektuelle, weil erkenntnistheoretische Zumutung, darüber nachzudenken, dass „Geschlecht“ – oder auch „Natur“ (Haraway!) – ein diskursiver Effekt historischer und kultureller Machträume ist.

  3. maxkeiler sagt:

    Ziemlich aufgeregt, Ihre Reaktion. Einen sachlichen Einwand konnte ich Ihrer Antwort nicht entnehmen. Wie schade.

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