Stellungnahme von GLADT e.V. zu „One Billion rising“

Liebe Kolleg_innen,
liebe Freund_innen,

anbei eine wichtige Stellungnahme von GLadT zu „One billion rising“.

Herzliche Grüße
Heinz / Heinz-Jürgen Voß

*Stellungnahme von GLADT e.V. zu „One Billion rising“, Berlin, den 07. Februar*

Am 14.2.2013 ruft V-Day, eine internationale Kampagne gegen Gewalt an Frauen* und Mädchen* mit „One Billion Rising“ dazu auf, sich weltweit gegen sexualisierte Gewalt an Frauen* zu stellen und Aktionen durchzuführen.

In Deutschland erlebt laut den Daten des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) jede vierte Frau sexualisierte Gewalt. Vergewaltigungen werden selten angezeigt und noch seltener führen sie zu einer Verurteilung, wie sich im September vergangenen Jahres zeigte. So wurde der Täter nicht verurteilt, da die 15-jährige sich nicht „ausreichend gewehrt“ habe. Zudem haben vor kurzem zwei katholische Krankenhäuser einem Vergewaltigungsopfer die Behandlung verwehrt. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse und der alltäglichen Trivialisierung sexualisierter Gewalt mit einer einhergehenden Täter-Opfer Umkehr, sind Initiativen wie „One Billion Rising“ nur zu begrüßen.

Auf der Startseite der Kampagne ist ein Video von der Initiatorin Eve Ensler zu sehen, welches auf die Problematik aufmerksam machen soll. Jedoch werden dabei sämtliche rassistische Stereotype reproduziert: Schwarze Frauen und Women of Color sind ausschließlich diejenigen, die sexualisierte Gewalt erfahren und Schwarze Männer / Men of Color ausschließlich diejenigen, die sie ausüben. So wird zum Beispiel eine Schwarze Frau gezeigt, die von einem Schwarzen Mann vergewaltigt wird. Damit werden rassistische Stereotype festgeschrieben, die eine lange Tradition haben, wie das des „sexuell triebhaften“ Schwarzen Mannes.

Die einzige Muslima, die in dem Video vorkommt, befindet sich in der Wüste und trägt ein Kopftuch, zu sehen ist ihr von Säure verätztes Gesicht. Auch hier werden sämtliche antimuslimische Ressentiments bedient: Muslima werden von ihren Männern unterdrückt, gesteinigt-oder aber ihr wird das Gesicht mit Säure übergossen. Das Setting der Wüste unterstreicht bereits bestehende Bilder einer vermeintlichen Unterentwicklung, die Menschen muslimischen Glaubens seit Beginn der Kolonialisierung zugeschrieben wird.

Die einzige weiße Frau, die in dem Video gezeigt wird, befindet sich in einem modernen Büro und wird von ihrem Chef am Hals gestreift, was sicherlich auch gewaltvoll, aber nicht mit den anderen Vorkommnissen zu vergleichen ist. Darüber hinaus wird durch diese Szene auch die vermeintlichen Klassenzugehörigkeiten und Berufsfelder stereotyp reproduziert: Weiße Frauen sitzen ordentlich gekleidet im Großraum-Büro, während Schwarze Frauen Wasser holen und Women of Color ohne jegliche Tätigkeit in der Wüste laufen…

Gewalt an Frauen* und der dieser zugrunde liegende Sexismus ist ein Problem, welches ein weltweites Phänomen ist und keines, was nur Länder des Globalen Südens betrifft. Sexualisierte Gewalt wird definitiv nicht ausschließlich von Schwarzen Männern/ Men of Color ausgeübt. Dies wird leider im Video impliziert. Zudem werden die Erfahrungen und Realitäten von lesbischen, bisexuellen, queeren Frauen* und Trans*personen ausgelassen – sie kommen in dem Kurzfilm von Eve Ensler zumindest nicht explizit nicht vor. Gleiches gilt für Frauen* mit Behinderungen.

Frauen* erleben und überleben sexualisierte Gewalt. Jedoch sind wir nicht alle gleich: Einige von uns erfahren gleichzeitig auch Rassismus, Klassismus, Homophobie, Transphobie und weitere Diskriminierungen. Wir begrüßen es sehr, weltweit gegen sexualisierte Gewalt aufzurufen, Sexismus zu bekämpfen ist ein wichtiger Schritt, um alle Formen der Unterdrückung abzuschaffen. Aber: Sexismus lässt sich nicht mit Rassismus bekämpfen, denn: „Since all forms of oppression are linked in our society because they are supported by similar institutional and social structures, one system cannot be eradicated while the others remain intact (hooks 1984:37).

(Da alle Unterdrückungsformen in unserer Gesellschaft miteinander verbunden sind, weil sie durch ähnliche institutionelle und soziale Strukturen aufrechterhalten werden, kann nicht ein System beseitigt werden, während alle anderen intakt bleiben)
Es ist interessant und wichtig für uns, wie Sie mit unserer Kritik umgehen. Wenn wir davon ausgehen, dass diese Kampagne jährlich stattfinden wird, ist die Vorstellung, dass nun jährlich zum Valentinstag rassistische Stereotype reproduziert und somit auch geschürt werden, untragbar. Wir freuen uns auf Ihre Gedanken.
Info [at] GLADT.de

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4 Kommentare zu Stellungnahme von GLADT e.V. zu „One Billion rising“

  1. pascale sagt:

    Hallo,ich habe gerade euren Artikel gelesen,es erschreckt mich ein wenig weil euch die Farben der Menschen so wichtig ist.Es geht hier doch nicht wo und wie ein Mensch aussieht sondern das was Frau erleiden muss!!Ich bin sehr dankbar über die Erfahrungen,die ich in den letzten Wochen und Monaten machen durfte.Wenn es alle diese tollen Menschen nicht geben würde hätte die Frau bis heute kein Wahlrecht!

  2. roro sagt:

    Danke für die Kritik. Ich habe als eine Migrantin, die sexuelle Gewalt durch einen weißen Deutschen in hoher Stellung erlebt hat, ein One Billion Rising Event in Deutschland mitorganisiert und stimme Ihren Kritikpunkten zu. Mir war das Video nicht so wichtig, sondern es mir wichtig, mitzumachen und ein Zeichen zu setzen. Schade fand ich, dass ich mir während der Vorbereitung tatsächlich einige rassistische Kommentare von anderen Organisatorinnen anhören musste, allerdings aus anderen Städten.

    One Billion Rising ist ein offene Sache. Jede(r) kann sich engagieren wie sie/er möchte.

    Auch Organisatorinnen von One Billion Rising Events sind sich nicht einer Meinung.

    Manche machen mit, weil sie selbst Gewaltbetroffene sind. Manche machen mit, weil sie feministisch aktiv sind. Manche machen mit, weil sie in Entwicklungspolitik tätig sind. Manche machen mit, einfach weil sie gerne tanzen.

    Falls es nächstes Jahr eine Wiederholung gibt, so fände ich es schön, wenn Sie ein eigenes Event zum Thema machen würden.

  3. maria sagt:

    So langsam laufen die Planungen fürs nächste Jahr an. Unsere Frage nun: Wollt Ihr Euch mit uns dran machen, ein One Billion Rising zu planen, das Eure Kritikpunkte am letzen Jahr berücksichtigt und nun – zumindest in der bundesdeutschen Vorbereitung – versucht, alles besser zu machen? Es würde mich sehr freuen, wenn sich da etwas entwickeln könnte. Wer Interesse hat, melde sich doch bitte bei uns:

    onebillionrising2014@yahoo.de
    http://www.onebillionrising2014.de
    https://www.facebook.com/OneBillionRising2014

  4. Pingback: One Billion Rising, kritische Linksammlung | Am Zaun

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