CfP: Femina Politica 1/2013 „Politische Ökonomie“

Geschlechterspezifische Auswirkungen der Krise(n) von Finanz- und Realökonomien wie etwa die unterschiedliche Betroffenheit von Konjunkturprogrammen und Konsolidierungsmaßnahmen aufgrund der Arbeitsmarktsegregation und der grundsätzlich unterschiedlichen sozio-ökonomischen Position von Frauen und Männern liegen auf der Hand und bilden gegenwärtig ein Themenfeld feministisch politikwissenschaftlicher Analysen. Ebenso ist die Frage nach männlicher Dominanz in der Ökonomie und in den Zentren politischer Macht ein Grundstein feministischer Kritik. Weitergehende feministische Aufarbeitungen der aktuellen Umbrüche sehen sich allerdings mit der Herausforderung konfrontiert, dass politische Ökonomie lange Zeit wenig gesellschaftstheoretisch reflektiert wurde. Dies bedingt nicht zuletzt, dass in der Analyse aktueller Entwicklungen das (gesellschafts-)theoretische Rahmenwerk häufig erst zu erstellen ist.

Der geplante Schwerpunkt zur politischen Ökonomie will deshalb vorrangig auf theoretische Fragen fokussieren. Dabei sollen feministische Perspektiven erstens auf herrschende ökonomische Theorien und Analysekategorien gerichtet sowie vorhandene Ansätze zur Re-Regulierung von Finanz- und Realökonomie kritisch analysiert werden. Zweitens soll sich das Augenmerk auf gesellschaftliche/gesellschaftstheoretische Gegenentwürfe und Utopien richten. Zum ersten: Es ist das Verdienst feministischer Interventionen, das „Ganze der Ökonomie“ bzw. Produktion und „Reproduktion“ in den Blick zu nehmen und ihre wechselseitige Bedingtheit zu verdeutlichen. Von differenzfeministischen Debatten zur Ökonomie seit den 1970er Jahren bis hin zum postoperaistischen Rekurs auf affektive Arbeit wird die Bedeutung nicht (vorrangig) marktbezogener Ressourcen, Mechanismen und Felder für das Funktionieren des ökonomischen Systems hervorgehoben. Angesichts der viel debattierten Ökonomisierung des Sozialen stellt sich die Frage nach diesem Verhältnis und nach möglichen Alternativen mit wachsender Dringlichkeit. Der Rückgriff auf feministische Konzeptionen erscheint mit Blick auf gegenwärtige Entwicklungen und die theoretischen Ansprüche von Intersektionalität aktueller denn je: Allein die anhaltende Relevanz geschlechterspezifischer Arbeitsteilung wirft die Frage auf, inwiefern feministische Kritik auf diesem Terrain nicht immer auch Kapitalismuskritik sein muss. Herausfordernde Impulse stellen mitunter auch postkoloniale Ansätze bereit, über die globale und transnationale Dimensionen in Analysen miteinbezogen werden müssen. So sind im globalen Maßstab ökonomische Interessen und Erwartungen an Demokratie sowie der Schutz von Menschenrechten eng miteinander verknüpft (z.B. Wirtschaftsverträge mit China, Rohstoffausbeutung in vielen Staaten Afrikas). Dass sich die transnationale mit einer geschlechterspezifischen Arbeitsteilung verzahnt und rassisierende Logiken bedient, zeigt sich mit zunehmender Deutlichkeit in jenen Entwicklungen, für die Care Drain nur ein Stichwort unter vielen ist.

Unter Bezug auf die für die feministische Theoriebildung zentralen Konzepte wie Staat und Maskulinismus, öffentlich/privat, epistemische und strukturelle Gewalt, Care, Familie und Reproduktion, Körper und Sexualität sind folgende Fragen und Themen von Interesse:

  • Finanzkrise, Krise von Männlichkeit, ökonomische Krise, ökologische Krise: Aus feministischer Sicht, wiederum mit besonderer Aufmerksamkeit für Interdependenzen, ist die Frage nach dem Verhältnis dieser verschiedenen Krisen, ihrer Qualität und ihren gesellschaftlichen Implikationen zu stellen. Welches analytische Potential bietet die Kategorie Geschlecht im Kontext aktueller Krisendiagnosen?
  • Inwiefern ist in diesem Zusammenhang von einer Reproduktionskrise, inwiefern von einer Krise der Geschlechterverhältnisse zu sprechen? Und wie sind angesichts dieser Konzeptionalisierungen die Bearbeitungsweisen der verschiedenen Krisen einzuordnen?
  • Wie sind existierende Regulationsversuche aus geschlechtertheoretischer und -politischer Perspektive einzuordnen (z.B. globale Arbeitsstandards, Finanztransaktionssteuer)?
  • Zu welchen Thesen/Fragen führen feministische Konzepte wie Care, Gleichstellung, sexuelle Arbeit und andere Politikkonzepte? Welche Rolle spielen die mit diesen Konzepten rekonstruierten Dynamiken in aktuellen ökonomischen Strukturen?

Zum zweiten: Politisch debattiert wurden in den letzten Jahren wieder zunehmend alternative Entwürfe ökonomisch-gesellschaftlicher Verhältnisse. Post-Wachstumsansätze, Theorien zum Guten Leben (buen vivir), Theorien und Praxen der Commons/Allmende oder Ansätze solidarischer Ökonomie entwickeln aus der Kritik an den aktuellen Verhältnissen Alternativen, deren explizit feministische Perspektivierung in vielen Punkten noch offen ist. Gleichzeitig finden sich ihre Referenzpunkte, wie beispielsweise das Konzept der Subsistenz, mitunter auch in feministischen Theorien der politischen Ökonomie. Neben konkreten Praxen geraten hier auch kapitalistische Grundlogiken in den Blick. Daran anknüpfend sind die folgenden Fragen/Themen von Interesse:

  • Welche Ansätze geschlechtergerechter Ökonomien, global wie lokal, werden gegenwärtig diskutiert? Wie sind diese aktuellen Debatten um Alternativen aus feministischer Sicht einzuordnen?
  • Bieten das Prinzip von Care oder das Konzept der Verletzbarkeit normative Referenzpunkte für alternative ökonomisch-politisch-gesellschaftliche Strukturen?
  • Wie können Ansätze einer politischen Ökonomie aussehen, die der (feministischen) Kritik an rigidem Ökonomismus, an einem engen Politikbegriff und an hegemonialen Männlichkeitsfiguren folgen?
  • Welche Instrumentarien und Maßstäbe für eine feministisch reflektierte politische Ökonomie können vor dem Hintergrund sich wandelnder regionaler, nationaler und globaler Strukturen und Arbeitsverhältnisse eingebracht werden?

Für das Schwerpunktheft sind theoretische oder theoriegeleitete empirische Beiträge willkommen.

Abstracts und Kontakt
Der Schwerpunkt wird inhaltlich von Dr. Alexandra Scheele und Magdalena Freudenschuß betreut. Wir bitten um ein- bis zweiseitige Abstracts per E-Mail bis zum 15. Juni 2012 an

scheele-baer@TU-Cottbus.de und m_freudenschuss@web.de.
Die Femina Politica versteht sich als feministische Fachzeitschrift und fördert Frauen in der Wissenschaft. Daher werden inhaltlich qualifizierte Abstracts von Frauen bevorzugt.

Abgabetermin der Beiträge
Die Herausgeberinnen wählen auf der Basis der eingereichten Vorschläge Beiträge aus. Der Abgabetermin für die fertigen Beiträge im Umfang von 25.000 bis max. 30.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen) ist der 15. Oktober 2012.

Offene Rubrik: „Forum“
Neben dem Schwerpunktthema bietet unsere Rubrik „Forum“ die Gelegenheit zur Publikation von Originalmanuskripten aus dem Bereich geschlechtersensibler Politikwissenschaft, die zentrale Forschungsergebnisse zugänglich machen oder wissenschaftliche Kontroversen anstoßen. Vorschläge in Form von ein- bis zweiseitigen Exposés erbitten wir an die Redaktionsadresse redaktion@femina-politica.de. Die endgültige Entscheidung wird auf der Basis des Gesamttextes getroffen.

Quellen:

http://www.femina-politica.de/pdf/CFP_1_2013.pdf

http://www.femina-politica.de/

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