„Geschlechterturbulenzen“ in: Lettre International 121

Lettre International 121

Die deutsche Ausgabe der Zeitschrift Lettre International feiert ihren 30. Jahrestag (26. Mai 1988 – 7. Juni 2018). In dieser Jubiläumsausgabe, Sommer 2018, gibt es unter der Überschrift „Geschlechterturbulenzen“ drei interessante Artikel, die im Newsletter zur Zeitschrift angekündigt sind:

„Eine Krise der Männlichkeit analysiert Pankaj Mishra, eine profunde Verunsicherung männlicher Virilität und Überlegenheitsgefühle. Die soziale, politische und kulturelle Dominanz der Männer wird zunehmend in Frage gestellt, und die Reaktion darauf – ob unter Hindus oder Muslimen, ob in Amerika oder Europa – ist Wut, Verzweiflung, Unsicherheit. „Morbide Phantasien von Kastration und Verweiblichung, Zivilisationsniedergang und Verfall verbinden Bin Laden mit Trump und anderen Bannerträgern der Nachhutgefechte des Machismo. (…) Und ob nun hinduistischer Chauvinist, radikaler Islamist oder weißer Nationalist: Ihr Selbstbild hängt von der Verachtung und Ausgrenzung der Frau ab. (…) ‘Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht’, schrieb Simone de Beauvoir. Dasselbe ließe sich für die Männer sagen. ‘Die gesamte Zivilisation’ bringt dieses Produkt hervor. Und zwingt es dann zu einer ruinösen Hetzjagd nach der Macht. Verglichen mit Frauen sind die Männer fast überall stärker dem Alkoholismus, der Drogensucht, schweren Unfällen und Herzerkrankungen ausgesetzt; sie haben eine deutlich geringere Lebenserwartung. (…) Maskuline Macht stellt ein unerfüllbares Ideal dar, eine Halluzination von Befehlsgewalt und Kontrolle, eine Illusion der Herrschaft in einer Welt, wo doch alles Feste sich in dünne Luft auflöst. (…) Die Männlichkeit ist als Zwangsjacke mühseliger Rollenpflichten und unmöglicher Erwartungen eine Quelle großen Leidens geworden – für Männer wie für Frauen.“

Die französische Schriftstellerin Belinda Cannone erkundet vor dem Hintergrund der MeToo-Bewegung fragile Territorien des Begehrens und plädiert für Zivilisierte Verführung. „Man muß versuchen, die Rollenverteilung im Liebesleben zu verändern, gleichzeitig sollte aber unbedingt darauf geachtet werden, diesen sehr fragilen Territorien, die weder rationalen Entscheidungen noch dem Intellekt oder dem Willen gehorchen, keine vorgefertigten Ideen und Vorschriften aufzuzwingen. Das Begehren ist ein delikates Gebiet: Wir begehren nicht auf Befehl, weder, was unsere sexuelle Orientierung, noch, was die Wahl des Objekts unserer Begierde angeht. Das Verlangen ergreift uns – oder manchmal treibt es eher dahin, zögert, doch auch das entzieht sich unserer Kontrolle. Deshalb bedeutet das Erstellen von ‘Verträgen’ eine Vernachlässigung seiner risikoreichen, verwirrenden, verheißungsvoll ungewissen Dimension.“

Eine Pornographisierung unseres Lebens konstatiert Wolf Reiser, Verheddert im Netz. Zig Millionen Videos kursieren unter dem Schlagwort „Pornographie“ im Netz und können jederzeit von jedermann abgerufen werden. Internet-Pornos machen 25 Prozent aller Suchanfragen und 35 Prozent der Downloads aus und gehören für Millionen Bundesbürger zum täglichen Stimulationsentertainment – was der Quote eines Champions-League-Finales gleichkommt. Während sich die Grenzen des sexuell Dargestellten in kühnste Höhen erweitern, hat sich das Einstiegsalter für die schwerverdaulichen Bilderfluten bei neun Jahren eingependelt. Reiser skizziert die Geschichte der Porno-Industrie, ihre Pervertierung aus der Libertinage der Rebellion der 60er Jahre, ihr Oszillieren zwischen Sadismus, Masochismus und Brutalismus. Wie und wann wurde der Summer of Love zu einem Winter der kommerzialisierten Perversion? Wie haben sich die Machthaber der Rotlichtsubkultur in die höchsten Ränge des Establishments hieven können? Wie hängt die Pornographie mit Gewaltkriminalität zusammen? Und warum schweigen so viele Tugendwächter der Political Correctness dazu? Eine beunruhigende Landschaftsbesichtigung und ein Aufruf zur Wiedereroberung von Eros und Liebe gegen die hypersexualisierte Leere.“

Die Zeitschrift befindet sich im Bestand des Grimm-Zentrums, 2. OG, Zeitschriftenauslage AZ 18920.